Gedicht "Schwarze Wesen"
"sehet dort die schwarzen wesen,
betrachten ihr gespiegeltes bild im zeichen des narziß.
sie knien über lethischen wassern,
doch ihrer körperhüllen antlitz ist erstarrt für äonen.
steinernen engelsputten gleich, deren posaunenklang erloschen,
gefesselt in gläserner maske, versiegelt ihre wahrheit,
vermögen sie nicht zu kosten von der quelle des vergessens.
oh sehet dort die schwarzen wesen in ihrer verdammnis.
sehet dort die schwarzen wesen,
verbrennen in des feuers glut, des prometheus edler gabe.
sie weinen in marmorner stille,
benetzen mit ihren tränen der schwarzen rosen knospenblätter.
in einem regen aus asche, der flammenwand entsprungen,
vergehen sie in steinernem staube über zum grund geneigtem blütenwerk,
verdunkeln der kerze schein, deren docht fast verbrannt.
oh höret die schwarzen wesen, welchen schrei sie lautlos in die nacht entsenden!
sehet dort die schwarzen wesen,
in des kerzenlichtes flackern zerfallen sie unter sternlosem firmament.
und aus der wesen nicht'gem ende
sprießt ein letztes schwarzes rosenmeer empor, im kerzenschein geboren.
doch in des äthers tiefen verberget sich in sphärenklang,
der letzten wesen schrei, in dunkler ewigkeit gefangen:
oh an welche ohren dieser rufe dringen möge!
das schlafende muß erwachen."
Vertonung unter: Tinúviel's mp3-Seite
1. Einleitung in die melancholische Problematik
Es ist nicht der einzige meiner Versuche, mich auszudrücken, es ist sicherlich auch nicht der beste. Immerhin habe ich mit den hier geschaffenen Bildern, die vielleicht zusehr der romantischen Tradition entnommen sind, einen symbolischen Text kreiiert, dessen Kern oder Zugang bisher den meisten Lesern oder Hörern verborgen bleiben konnte. Hier konnte ein übersteigerter Ästhetizismus zu scheinbar Okkultem werden, offenbar nahe an der Grenze zum Kitsch. Allein schon die Notwendigkeit, mich an dieser Stelle erklären zu müssen, spricht gegen die Qualität dieses Gedichtes. Doch aller destruktiven Kritik zum Trotz sehe ich hierin einen guten Weg, zu klären, wer wir sind. Natürlich ist dieses Unterfangen hier jetzt an subjektive Ansichten des Verfassers gekoppelt, so daß es nicht unbedingt für alle gültig ist.
Zunächst sei schon vorweggenommen, wer mit den "Schwarzen Wesen" gemeint ist. Doch an dieser Stelle nur den Begriff des "Melancholikers" zu erwähnen, wäre problematisch, da die verschiedenen Inhalte, mit denen dieser Ausdruck belegt ist, ein sehr großes Spektrum an möglichen Deutungen bieten. Ein erster Ansatz ist die sogenannte "Säftelehre", nach der es vier Säfte gebe, die gleichverteilt dem gesunden Menschen entsprechen, aber für gewöhnlich in einer Disposition eines dieser Säfte vorliegen. Es handelt sich um Phlegma (Schleim), Blut, gelbe und schwarze Galle. Diesen werden Qualitäten zugeordnet, die als basale Grundstimmungen bzw. Temperamente sich äußern. Neben dem Phlegmatisch-coolen, dem Sanguinisch-lebhaften und dem Cholerisch-jähzornigen gibt es nun den Melancholisch-traurigen. Doch das ist noch zu einfach.
2. Die Konzeption der "Schwarzen Wesen"
2.1 Das sogenannte Individuelle
Das vorliegende Gedicht ist gegliedert in drei achtzeilige Strophen, die als solche nur durch ihre
Verssetzung erkennbar sind. Refrainartig wiederholt sich in der jeweils ersten Zeile der Aufruf "Sehet dort
die schwarzen Wesen!", der in seinem Aufforderungscharakter nahelegt, daß hier eine Unterscheidung getroffen
wird zwischen "schwarzen Wesen" und denen, die es nicht sind. Man könnte diese Grenze, wenn man sie als
scharf interpretieren würde, als arrogant ansehen bzw. den Verdacht aufbauen, es handele sich um eine
Art Anthropologie, also ein Bild vom Menschen. Als Verfasser muß ich hier beschwichtigen, weiß aber sehrwohl,
daß dieser Eindruck entstehen könnte, insgesamt könnten diese Webseiten einen solchen Eindruck bestärken.
Doch eine unserer Kernfragen ist die, ob überhaupt alle Menschen erreichbar sind. Wir wissen keine Antwort,
unsere Hoffnung wäre natürlich, daß diese Annahme wahr ist im Sinne der Logik. Doch ist es wohl eine Aufgabe
der Zeit, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Halten wir fest, daß es keine Grenze gibt, man selbst - gefangen
in der Subjektivität - kann nur beurteilen, ob man den "schwarzen Wesen" zugeneigt ist oder nicht.
Die appellative Form des Verbes ist in einer altertümlichen Variante vertreten. In Bezug auf den Sprachwandel
muß sich wieder ein negativer Eindruck, nämlich der des Konservatismus, erhärten. In der Tat handelt es sich
um einen nicht mehr zeitgemäßen romantischen Ästhetizismus. Man betritt hier die problematische Fragestellung,
inwieweit Kunst und "Massengeschmack" einbar sind. Auch wenn man ein dem letzteren vorgeworfenes Kitschurteil
ebensogut gegen dieses Gedicht richten kann, ist es doch eher unsere Auffassung, daß irgendwann Kreativität
wieder mehr Bedeutung gewinnt als Konsum, also Original statt Kopie, Wiederherstellung der sogenannten
"Aura" des Kunstwerkes. Dabei ist es nicht unsere Auffassung, daß dies zugleich immer elitär sein muß.
Diese "schwarzen Wesen" betrachten nun im ersten Bild zunächst ihr Spiegelbild "im Zeichen des Narziß".
Die Zeile läßt es dabei offen, inwieweit jenes "Zeichen" nur für die "schwarzen Wesen" gelte. Wie der Verweis
auf eine Figur der Ovidschen Metamorphosen deutlich macht, spielt wohl die psychologische Idee des "Narzißmus"
eine Rolle. Dieses Problem stößt in seiner Definition schon auf Probleme, da es in der Regel mit so
undurchsichtigen Begriffen wie dem des "Selbstverlusts" und der "Authentizität" arbeitet, die aber nicht näher
zu hinterfragen sind, letztlich als Glaubensfrage erscheinen. Dennoch sei an dieser Stelle auf die Idee
der "Individualisierung" verwiesen, die zumindest in sich davon ausgeht, daß es so etwas gebe wie die fortschreitende
mit Isolation, steigender Quantität aber sinkender Qualität der Beziehungen verbundene Individualisation, nur daß
man sich in dieser Hinsicht keine Illusionen machen sollte über die angeblich ursprünglichen Verhältnisse in
vormodernen Zeiten, die in ihrer Form der gesellschaftlichen Integration ebenso tyrannisch wirken können.
Die "schwarzen Wesen" nehmen hier eine Sonderstellung ein, da sie ebenso von der Problematik betroffen, aber
es insbesondere sind durch ihre Spezialisierung oder "Entfremdung" vom sogenannten "Massengeschmack" .
Sie mögen wie alle anderen ihr "gespiegeltes Bild" betrachten, aber nicht nur als Ausdruck narzißtischer
Selbstverliebtheit sondern auch als kritische wie ohnmächtige Selbstreflexion.
Darüberhinaus soll hier auf Dalís Konzeption der "Metamorphose des Narziß" verwiesen werden: Im linken Teil dieses Bildes
ist die unbelebte und formlose Wildnis; ein Teil der Wildnis erinnert an einen in sich selbst versunkenen Mann, also
Narziß und sein Blick ins Spiegelbild. Er entdeckt seine eigene Einheit, genauso wie der Betrachter die
Figur nur durch Assoziation, nicht durch reine
Anschauung, erkennt.
Dalí spiegelt diese Welt und läßt mit der Metamorphose
das Prinzip des Schönen aus dem als fruchtbares Ei
dargestellten Kopf der zur herstellenden Hand
reduzierten Person in Form der Narzisse wachsen.
Auf horizontaler Ebene läßt sich eine Art
kultur-evolutionäre Entwicklung des Menschen ausmachen,
gekennzeichnet durch die jetzt belebte und
fortschreitend kultürlich wirkende Umgebung und den
Verlauf eines künstlichen Weges. Dabei wird die
Eitelkeit als menschlicher Widerpart zur
Schönheit der Narzisse betont, die ja eine Idee des Geistes
darstellt, das Schöne selbst.
Der allvölkerlichen Gruppe am Anfang dieser Entwicklung
steht ein Einzelner auf einem erhöhten Podest gegenüber.
Das Schachbrett symbolisiert die Vernunft und offenbart
an dieser Stelle das zeitgenössige Bild der Welt, das
kritisch-rationale Paradigma. Es umgibt den
(post)modernen Menschen, d.h. hier sei nichts Natürliches mehr,
nichts der Wildnis Vergleichbares.
Dalí: "Die Schriftsteller im allgemeinen, und die
Romanciers im besonderen, haben dazu beigetragen, eine
Welt voller Konventionen und Willkür zu schaffen, die
sie als real ausgegeben haben. Diese Welt, in der alles
erklärbar ist, weil man es uns lehrt, ist heute bereits
vollkommen zerstört durch die moderne Psychologie. Alles
darin ist freiwillig Sklave und Fäulnis, aber es dient
noch bestens dazu, Schweine und grobe Leute darin weiden
zu lassen. Mittlerweile gibt es neben der auf die
Dummheit und auf die nötigen Rückversicherungen
zugeschnittene Realität die Fakten, die simplen
Tatsachen, die von Konventionen unabhängig sind; es gibt
die abscheulichen Verbrechen; es gibt die
unqualifizierbaren und irrationalen Gewaltakte, die in
regelmäßigen Abständen mit ihrem tröstenden und
mustergültigen Glanz das trostlose moralische Panorama
erhellen. Es gibt den großen Ameisenbären, es gibt ganz
einfach den Bären der Wälder, es gibt, usw....
... Anmerkung: Ein andalusischer Hund hat einen
beispiellosen Erfolg in Paris gehabt, was unseren
Unwillen hervorruft wie jeder andere öffentliche Erfolg.
Aber wir meinen, daß das Publikum, das den Andalusischen
Hund mit Applaus aufgenommen hat, ein durch
Zeitschriften und Avantgarde-Rummel abgestumpftes
Publikum ist, das aus Snobismus alles beklatscht, was
ihm neu und ungewöhnlich erscheint. Dieses Publikum hat
den moralischen Hintergrund des Films nicht verstanden,
der sich direkt gegen dieses Publikum wendet, und zwar
mit uneingeschränkter Gewalt und Grausamkeit. Der
einzige Erfolg, der für uns zählt, ist Einsteins Rede
auf dem Kongreß von La Sarraz und der Filmvertrag mit
der Sowjetrepuplik."
2.2 Der Eindruck des Fatalen
Das Spiegelbild, in dem sich speziell die "schwarzen Wesen" betrachten, sind "lethische Wasser[]", über denen
sie bewegungslos bis träge "knien". Diesmal ist es die "Aeneis" des Vergil, aus der hier ein Bild entnommen
wurde. Die aus der Orphik stammende Idee eines "Elysiums", in dem die Seelen Verstorbener auf ihre Wiedergeburt
in einer idyllischen Welt warten, kurz davor aber aus dem Fluß des Vergessens Lethe trinken, wurde hier eingearbeitet
und versteht sich auch recht direkt als Fähigkeit zu vergessen oder zu verdrängen. Das Verhältnis, welches zu den
Wassern besteht, ist aber noch nicht bestimmt. Sie erscheinen als möglicher Erlöser, doch ist diese positive
Konnotation trügerisch.
Die erwähnte Trägheit verschärft sich noch in dem Ausdruck, nach dem "ihrer Körperhüllen Antlitz" erstarrt ist.
Sie bezieht sich auf die Körperhüllen, nicht auf den Geist, und steht in Bezug zum "Antlitz" nicht allein für
fehlenden Aktionismus, sondern auch für eine fehlende Veränderung im Fortschritt der Zeit. Dieser Zustand ist
aber nicht von Anfang an gegeben, sondern ergibt sich aus der Perfektformulierung als eine erfolgte "Erstarrung",
die das Ergebnis von Resignation ist. Der zeittranszendente Ausdruck der "Äonen" gibt diesem Zustand allerdings
keine Möglichkeit der weiteren Veränderung. Die Erstarrung scheint ewig in diesem ersten Bild. Die Zeittranszendenz
des Ausdrucks allerdings koppelt sich an Vorstellungen wie der eines Schicksales, bedeutet subjektiv einen Fatalismus,
der in Hoffnungslosigkeit mündet. In der Tat ist es ein Eindruck, der im postmodernen Subjektivismus eine Rolle zu
spielen scheint, doch ist die Wahl des Ausdruckes aus einem mythisch-kosmogenetischen Komplex eigentlich schon
für den kritischen Geist ein Verweis auf deren Unhaltbarkeit. Doch diese Unhaltbarkeit kann dem vereinzelten
"schwarzen Wesen" keine Kompensation seiner Resignation ermöglichen, solange diese Unhaltbarkeit sich nicht
in der Realität abzeichnet.
2.3 Die totale Desillusion
In der nächsten Zeile werden sie mit "steinernen Engelsputten" verglichen - Figuren, welche auf der einen Seite
gerne aus theologischer Sicht zwischen Mensch und der christlichen Gottheit eingeordnet wurden als Helfer oder
Beschützer der Menschen, auf der anderen Seite bloß "steinern" sind. Dieses Adjektiv verweist auf ein
gewisses künstliches Geschaffensein, auf der anderen Seite ist eine übliche Assoziation mit allem "Steinernen"
innere Kälte, die zunächst im Widerspruch zu der Güte der Engel zu stehen scheint. Diese "Kälte" steht in direktem
Bezug zu der oben erwähnten Isolation und dem Eindruck von Einsamkeit. An dieser Stelle sei auf die "Philosophie
des Unglücks" von Ludwig Marcuse verwiesen, nach der - und hier wird vorgegriffen und auch noch nicht vollends
geklärt - "Nihilismus" (bzw. die Philosophie des Unglücks) bei den Menschen zutage tritt, die ein sehr gutes
Gedächtnis, Kreativität, einen enttäuschten aber starken Idealismus, viel Fantasie und Vorstellungs- aber
auch Einfühlungsvermögen und eine gewisse "Intelligenz" haben sowie möglicherweise äußerlich nicht der Norm
entsprechen (ohne daß hiermit Häßlichkeit gemeint sein muß, diese Normabweichung ist letztlich unklar in ihrer
genauen Bestimmung, es ist zumindest keine Frage der sogenannten Schönheit). Man mag auch das links aufgeführte
Fragment "Problem XXX,I. Melancholia" hinzufügen, das von Aristoteles bzw. Theophrast stammt.
Diese "Engel" scheiterten und wurden desillusioniert, führen ein Dasein der Gratwanderung zwischen positiv gestimmter
Melancholie und negativ bzw. krankhaft verstandenen Zuständen der Depression. Da alle möglichen einst für ihr Dasein
entscheidenden Dinge für sie nun illusionär erscheinen, verbleiben sie bewegungslos "steinern", äußern sich in
Traurigkeit bzw. Zynismus (man vergleiche Heraklit und Demokrit in ihrer barocken Interpretation). Gewaltsam sind
sie "gefesselt" an ihre "gläserne Maske". Warum Maske? Was ist diese Maske? Hier noch ein Wort zur Desillusion:
Karl Jaspers nennt Kierkegaard neben Nietzsche einen der "großen Erwecker" , diese Interpreation Jaspers', ob man
sie nun teilen will oder nicht, soll hier als Erläuterung der Desillusion dienen. So zeichne sich das Werk Kierkegaards
durch eine
geistige Produktivität aus, die "grenzenlose Reflexion [ist], die von früh auf zum Verschwinden aller Naivität führte".
Kierkegaards geistiger Zustand des "Schwermut[s]" wird von Jaspers als endogene Psychose diagnostiziert,
wahrscheinlich "schizophren" . Der dänische Philosoph nannte sich "Ausnahme",
"fand keinen Abschluß des Sich-durchsichtig-werden-Wollens, blieb redlich und fixierte kein endgültiges Selbstverständnis
als Besitz" . In diesem Denken sieht Jaspers eine "Ernsthaftigkeit des Dialektischen auftreten, [...] wie sie bei Gesunden
nicht möglich ist" , so daß die Krankheit zur "Bedingung [...] seiner produktiven Geistigkeit" wird.
Sie sei "Unfähigkeit zum Wirklichen (die Wirklichkeit steht im Schatten)", jegliche Erfahrung muß erst
"durch Reflexion in Erinnerung [...] übersetz[t]" werden, "in Möglichkeit, als Ausdruck des nicht gelingenden
Sichdurchsichtigwerdenwollens, als Sünde, als stellvertretendes Leiden" einer mit diesem Sinn belegten
"Krankheit bis zum Tode".
Der beschriebene Zustand bedeutet eine aus andauernder Reflexion resultierende Distanziertheit zur
naiven Realität, eine Art von geistiger Abwesenheit. Die totale Desillusion und der Blick auf ein Ganzes,
in dem selbst das Jetzt - als in Erinnerung übersetzt - analysiert wird, tragen in sich eine Tendenz,
sich an etwas Konkretes halten zu wollen, ohne Halt zu finden, da alles Konkrete nur als desillusioniertes
Abstraktum zugänglich ist. Diese Tendenz scheint der Idee der Desillusion inhärent zu sein.
Und diese Tendenz findet sich auch in gewissen Zügen bei den "schwarzen Wesen", die aber in der Regel mit ihrer
"gläsernen Maske" zwar offensichtlich erkennbar bleiben (daher "gefesselt"), aber nicht immer konsequent ihrer
Haltung wie Kierkegaard treu bleiben, gerade weil es Krankheit wäre oder zumindest schädlich für das eigene Leben.
Aber oft sind sie dadurch nicht mehr fähig ihre Talente auszuleben, so daß ihr "Posaunenklang erloschen", Inspiration
fehlt bzw. stirbt, statt dessen Entscheidungslosigkeit wiederum nur in der Tendenz.
Ihre diese "Wahrheit" ist nun "versiegelt", da sie meistens unfähig sind, sich verständlich zu machen. Sie können
zwar sehrwohl Probleme ansprechen, doch da diese meist unlösbar sind, kann auch der Psychologe nur Ablenkung aller Art (Konfrontation
mit der Vergangenheit findet ja ehehin statt), Anti-Depressiva und Gespräche anbieten, in den Fällen, wo ein "schwarzes
Wesen" seine Gratwanderung nicht mehr bewältigt. Doch da sie nicht "von der Quelle des Vergessens" - also auch dem Fluß (der Zeit) in
dem sie ihr Spiegelbild selbstreflexiv betrachten - kosten können, und dies ist keine Frage des eigenen Willens, bleibt
nur der subjektive Eindruck einer "Verdammnis".
3. Die härteste Nicht-Utopie
3.1 Kunst zwischen Schmerz und Schönheit
In der zweiten Strophe verändert sich das Bild. Wo ehemals nur von "steinernen Engelsputten" gleichen "schwarzen Wesen"
an Wassern die Rede war, verlieren letztere an Bedeutung, waren nur wichtig für die Klärung der Wesen, wo hingegen das
Steinerne und Erstarrte weiterhin eine Rolle spielt. Im folgenden wird behauptet, die "schwarzen Wesen" verbrennen
in "des Prometheus edler Gabe", im "Feuer". Dabei wird auf einen griechischen Mythos angespielt, der in der Theogonie
des Hesiod beschrieben ist. Nach ihm hat jener Titan die Menschen aus Lehm geformt. "Sehend sahen sie umsonst,
hörend hörten sie vergebens". Um sie von ihrer Passivität und Hilflosigkeit zu befreien, brachte ihnen der Gott das
Feuer und schon bald brannten überall in der Dunkelheit Flammen empor. Dieses Feuer ist wiederum Sinnbild für das handwerklich herstellende Handeln in
Verbindung mit dem Ich-Gedanken als Urbeginn aller Kreativität, meint das Reich der Ideen, die besondere "Kraft" der Menschen,
welche sie zu Kultur bemächtigte. Die "schwarzen Wesen" verglühen hierin als "Geistgetriebene".
Ihr mit "marmorner Stille" verbundenes "Weinen", dessen Grund im letzten Kapitel schon erklärt sein dürfte, wird nun
zur Wasserspende für die neu auftauchenden "schwarzen Rosen", die - soviel verraten die "Knospenblätter" - auch tatsächlich
ein Novum darstellen sollen. Die Rose hat nun in der Romantik eine besondere Bedeutung, sie verbindet Schmerz und Schönheit, ist
hier gleichsam als Frucht des Melancholischen zu verstehen.