Kritik anhand einer Gedichtsinterpretation

1. Einleitung in die melancholische Problematik
2. Die Konzeption der "Schwarzen Wesen"
2.1 Das sogenannte Individuelle
2.2 Der Eindruck des Fatalen
2.3 Die totale Desillusion
3. Die härteste Nicht-Utopie
3.1 Kunst zwischen Schmerz und Schönheit
3.2 Vergänglichkeit und Vergangensein
4. Das Schlafende als Negation des Fatalen

Gedicht "Schwarze Wesen"

    "sehet dort die schwarzen wesen,
     betrachten ihr gespiegeltes bild im zeichen des narziß.
     sie knien über lethischen wassern,
     doch ihrer körperhüllen antlitz ist erstarrt für äonen.
     steinernen engelsputten gleich, deren posaunenklang erloschen,
     gefesselt in gläserner maske, versiegelt ihre wahrheit,
     vermögen sie nicht zu kosten von der quelle des vergessens.
     oh sehet dort die schwarzen wesen in ihrer verdammnis.

     sehet dort die schwarzen wesen,
     verbrennen in des feuers glut, des prometheus edler gabe.
     sie weinen in marmorner stille,
     benetzen mit ihren tränen der schwarzen rosen knospenblätter.
     in einem regen aus asche, der flammenwand entsprungen,
     vergehen sie in steinernem staube über zum grund geneigtem blütenwerk,
     verdunkeln der kerze schein, deren docht fast verbrannt.
     oh höret die schwarzen wesen, welchen schrei sie lautlos in die nacht entsenden!

     sehet dort die schwarzen wesen,
     in des kerzenlichtes flackern zerfallen sie unter sternlosem firmament.
     und aus der wesen nicht'gem ende
     sprießt ein letztes schwarzes rosenmeer empor, im kerzenschein geboren.
     doch in des äthers tiefen verberget sich in sphärenklang,
     der letzten wesen schrei, in dunkler ewigkeit gefangen:
     oh an welche ohren dieser rufe dringen möge!
     das schlafende muß erwachen."

Vertonung unter: Tinúviel's mp3-Seite

1. Einleitung in die melancholische Problematik

Es ist nicht der einzige meiner Versuche, mich auszudrücken, es ist sicherlich auch nicht der beste. Immerhin habe ich mit den hier geschaffenen Bildern, die vielleicht zusehr der romantischen Tradition entnommen sind, einen symbolischen Text kreiiert, dessen Kern oder Zugang bisher den meisten Lesern oder Hörern verborgen bleiben konnte. Hier konnte ein übersteigerter Ästhetizismus zu scheinbar Okkultem werden, offenbar nahe an der Grenze zum Kitsch. Allein schon die Notwendigkeit, mich an dieser Stelle erklären zu müssen, spricht gegen die Qualität dieses Gedichtes. Doch aller destruktiven Kritik zum Trotz sehe ich hierin einen guten Weg, zu klären, wer wir sind. Natürlich ist dieses Unterfangen hier jetzt an subjektive Ansichten des Verfassers gekoppelt, so daß es nicht unbedingt für alle gültig ist.

Zunächst sei schon vorweggenommen, wer mit den "Schwarzen Wesen" gemeint ist. Doch an dieser Stelle nur den Begriff des "Melancholikers" zu erwähnen, wäre problematisch, da die verschiedenen Inhalte, mit denen dieser Ausdruck belegt ist, ein sehr großes Spektrum an möglichen Deutungen bieten. Ein erster Ansatz ist die sogenannte "Säftelehre", nach der es vier Säfte gebe, die gleichverteilt dem gesunden Menschen entsprechen, aber für gewöhnlich in einer Disposition eines dieser Säfte vorliegen. Es handelt sich um Phlegma (Schleim), Blut, gelbe und schwarze Galle. Diesen werden Qualitäten zugeordnet, die als basale Grundstimmungen bzw. Temperamente sich äußern. Neben dem Phlegmatisch-coolen, dem Sanguinisch-lebhaften und dem Cholerisch-jähzornigen gibt es nun den Melancholisch-traurigen. Doch das ist noch zu einfach.

2. Die Konzeption der "Schwarzen Wesen"

2.1 Das sogenannte Individuelle

Das vorliegende Gedicht ist gegliedert in drei achtzeilige Strophen, die als solche nur durch ihre Verssetzung erkennbar sind. Refrainartig wiederholt sich in der jeweils ersten Zeile der Aufruf "Sehet dort die schwarzen Wesen!", der in seinem Aufforderungscharakter nahelegt, daß hier eine Unterscheidung getroffen wird zwischen "schwarzen Wesen" und denen, die es nicht sind. Man könnte diese Grenze, wenn man sie als scharf interpretieren würde, als arrogant ansehen bzw. den Verdacht aufbauen, es handele sich um eine Art Anthropologie, also ein Bild vom Menschen. Als Verfasser muß ich hier beschwichtigen, weiß aber sehrwohl, daß dieser Eindruck entstehen könnte, insgesamt könnten diese Webseiten einen solchen Eindruck bestärken. Doch eine unserer Kernfragen ist die, ob überhaupt alle Menschen erreichbar sind. Wir wissen keine Antwort, unsere Hoffnung wäre natürlich, daß diese Annahme wahr ist im Sinne der Logik. Doch ist es wohl eine Aufgabe der Zeit, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Halten wir fest, daß es keine Grenze gibt, man selbst - gefangen in der Subjektivität - kann nur beurteilen, ob man den "schwarzen Wesen" zugeneigt ist oder nicht.

Die appellative Form des Verbes ist in einer altertümlichen Variante vertreten. In Bezug auf den Sprachwandel muß sich wieder ein negativer Eindruck, nämlich der des Konservatismus, erhärten. In der Tat handelt es sich um einen nicht mehr zeitgemäßen romantischen Ästhetizismus. Man betritt hier die problematische Fragestellung, inwieweit Kunst und "Massengeschmack" einbar sind. Auch wenn man ein dem letzteren vorgeworfenes Kitschurteil ebensogut gegen dieses Gedicht richten kann, ist es doch eher unsere Auffassung, daß irgendwann Kreativität wieder mehr Bedeutung gewinnt als Konsum, also Original statt Kopie, Wiederherstellung der sogenannten "Aura" des Kunstwerkes. Dabei ist es nicht unsere Auffassung, daß dies zugleich immer elitär sein muß.

Diese "schwarzen Wesen" betrachten nun im ersten Bild zunächst ihr Spiegelbild "im Zeichen des Narziß". Die Zeile läßt es dabei offen, inwieweit jenes "Zeichen" nur für die "schwarzen Wesen" gelte. Wie der Verweis auf eine Figur der Ovidschen Metamorphosen deutlich macht, spielt wohl die psychologische Idee des "Narzißmus" eine Rolle. Dieses Problem stößt in seiner Definition schon auf Probleme, da es in der Regel mit so undurchsichtigen Begriffen wie dem des "Selbstverlusts" und der "Authentizität" arbeitet, die aber nicht näher zu hinterfragen sind, letztlich als Glaubensfrage erscheinen. Dennoch sei an dieser Stelle auf die Idee der "Individualisierung" verwiesen, die zumindest in sich davon ausgeht, daß es so etwas gebe wie die fortschreitende mit Isolation, steigender Quantität aber sinkender Qualität der Beziehungen verbundene Individualisation, nur daß man sich in dieser Hinsicht keine Illusionen machen sollte über die angeblich ursprünglichen Verhältnisse in vormodernen Zeiten, die in ihrer Form der gesellschaftlichen Integration ebenso tyrannisch wirken können. Die "schwarzen Wesen" nehmen hier eine Sonderstellung ein, da sie ebenso von der Problematik betroffen, aber es insbesondere sind durch ihre Spezialisierung oder "Entfremdung" vom sogenannten "Massengeschmack" . Sie mögen wie alle anderen ihr "gespiegeltes Bild" betrachten, aber nicht nur als Ausdruck narzißtischer Selbstverliebtheit sondern auch als kritische wie ohnmächtige Selbstreflexion.

Darüberhinaus soll hier auf Dalís Konzeption der "Metamorphose des Narziß" verwiesen werden: Im linken Teil dieses Bildes ist die unbelebte und formlose Wildnis; ein Teil der Wildnis erinnert an einen in sich selbst versunkenen Mann, also Narziß und sein Blick ins Spiegelbild. Er entdeckt seine eigene Einheit, genauso wie der Betrachter die Figur nur durch Assoziation, nicht durch reine Anschauung, erkennt. Dalí spiegelt diese Welt und läßt mit der Metamorphose das Prinzip des Schönen aus dem als fruchtbares Ei dargestellten Kopf der zur herstellenden Hand reduzierten Person in Form der Narzisse wachsen. Auf horizontaler Ebene läßt sich eine Art kultur-evolutionäre Entwicklung des Menschen ausmachen, gekennzeichnet durch die jetzt belebte und fortschreitend kultürlich wirkende Umgebung und den Verlauf eines künstlichen Weges. Dabei wird die Eitelkeit als menschlicher Widerpart zur Schönheit der Narzisse betont, die ja eine Idee des Geistes darstellt, das Schöne selbst. Der allvölkerlichen Gruppe am Anfang dieser Entwicklung steht ein Einzelner auf einem erhöhten Podest gegenüber. Das Schachbrett symbolisiert die Vernunft und offenbart an dieser Stelle das zeitgenössige Bild der Welt, das kritisch-rationale Paradigma. Es umgibt den (post)modernen Menschen, d.h. hier sei nichts Natürliches mehr, nichts der Wildnis Vergleichbares.

Dalí: "Die Schriftsteller im allgemeinen, und die Romanciers im besonderen, haben dazu beigetragen, eine Welt voller Konventionen und Willkür zu schaffen, die sie als real ausgegeben haben. Diese Welt, in der alles erklärbar ist, weil man es uns lehrt, ist heute bereits vollkommen zerstört durch die moderne Psychologie. Alles darin ist freiwillig Sklave und Fäulnis, aber es dient noch bestens dazu, Schweine und grobe Leute darin weiden zu lassen. Mittlerweile gibt es neben der auf die Dummheit und auf die nötigen Rückversicherungen zugeschnittene Realität die Fakten, die simplen Tatsachen, die von Konventionen unabhängig sind; es gibt die abscheulichen Verbrechen; es gibt die unqualifizierbaren und irrationalen Gewaltakte, die in regelmäßigen Abständen mit ihrem tröstenden und mustergültigen Glanz das trostlose moralische Panorama erhellen. Es gibt den großen Ameisenbären, es gibt ganz einfach den Bären der Wälder, es gibt, usw.... ... Anmerkung: Ein andalusischer Hund hat einen beispiellosen Erfolg in Paris gehabt, was unseren Unwillen hervorruft wie jeder andere öffentliche Erfolg. Aber wir meinen, daß das Publikum, das den Andalusischen Hund mit Applaus aufgenommen hat, ein durch Zeitschriften und Avantgarde-Rummel abgestumpftes Publikum ist, das aus Snobismus alles beklatscht, was ihm neu und ungewöhnlich erscheint. Dieses Publikum hat den moralischen Hintergrund des Films nicht verstanden, der sich direkt gegen dieses Publikum wendet, und zwar mit uneingeschränkter Gewalt und Grausamkeit. Der einzige Erfolg, der für uns zählt, ist Einsteins Rede auf dem Kongreß von La Sarraz und der Filmvertrag mit der Sowjetrepuplik."

2.2 Der Eindruck des Fatalen

Das Spiegelbild, in dem sich speziell die "schwarzen Wesen" betrachten, sind "lethische Wasser[]", über denen sie bewegungslos bis träge "knien". Diesmal ist es die "Aeneis" des Vergil, aus der hier ein Bild entnommen wurde. Die aus der Orphik stammende Idee eines "Elysiums", in dem die Seelen Verstorbener auf ihre Wiedergeburt in einer idyllischen Welt warten, kurz davor aber aus dem Fluß des Vergessens Lethe trinken, wurde hier eingearbeitet und versteht sich auch recht direkt als Fähigkeit zu vergessen oder zu verdrängen. Das Verhältnis, welches zu den Wassern besteht, ist aber noch nicht bestimmt. Sie erscheinen als möglicher Erlöser, doch ist diese positive Konnotation trügerisch.

Die erwähnte Trägheit verschärft sich noch in dem Ausdruck, nach dem "ihrer Körperhüllen Antlitz" erstarrt ist. Sie bezieht sich auf die Körperhüllen, nicht auf den Geist, und steht in Bezug zum "Antlitz" nicht allein für fehlenden Aktionismus, sondern auch für eine fehlende Veränderung im Fortschritt der Zeit. Dieser Zustand ist aber nicht von Anfang an gegeben, sondern ergibt sich aus der Perfektformulierung als eine erfolgte "Erstarrung", die das Ergebnis von Resignation ist. Der zeittranszendente Ausdruck der "Äonen" gibt diesem Zustand allerdings keine Möglichkeit der weiteren Veränderung. Die Erstarrung scheint ewig in diesem ersten Bild. Die Zeittranszendenz des Ausdrucks allerdings koppelt sich an Vorstellungen wie der eines Schicksales, bedeutet subjektiv einen Fatalismus, der in Hoffnungslosigkeit mündet. In der Tat ist es ein Eindruck, der im postmodernen Subjektivismus eine Rolle zu spielen scheint, doch ist die Wahl des Ausdruckes aus einem mythisch-kosmogenetischen Komplex eigentlich schon für den kritischen Geist ein Verweis auf deren Unhaltbarkeit. Doch diese Unhaltbarkeit kann dem vereinzelten "schwarzen Wesen" keine Kompensation seiner Resignation ermöglichen, solange diese Unhaltbarkeit sich nicht in der Realität abzeichnet.

2.3 Die totale Desillusion

In der nächsten Zeile werden sie mit "steinernen Engelsputten" verglichen - Figuren, welche auf der einen Seite gerne aus theologischer Sicht zwischen Mensch und der christlichen Gottheit eingeordnet wurden als Helfer oder Beschützer der Menschen, auf der anderen Seite bloß "steinern" sind. Dieses Adjektiv verweist auf ein gewisses künstliches Geschaffensein, auf der anderen Seite ist eine übliche Assoziation mit allem "Steinernen" innere Kälte, die zunächst im Widerspruch zu der Güte der Engel zu stehen scheint. Diese "Kälte" steht in direktem Bezug zu der oben erwähnten Isolation und dem Eindruck von Einsamkeit. An dieser Stelle sei auf die "Philosophie des Unglücks" von Ludwig Marcuse verwiesen, nach der - und hier wird vorgegriffen und auch noch nicht vollends geklärt - "Nihilismus" (bzw. die Philosophie des Unglücks) bei den Menschen zutage tritt, die ein sehr gutes Gedächtnis, Kreativität, einen enttäuschten aber starken Idealismus, viel Fantasie und Vorstellungs- aber auch Einfühlungsvermögen und eine gewisse "Intelligenz" haben sowie möglicherweise äußerlich nicht der Norm entsprechen (ohne daß hiermit Häßlichkeit gemeint sein muß, diese Normabweichung ist letztlich unklar in ihrer genauen Bestimmung, es ist zumindest keine Frage der sogenannten Schönheit). Man mag auch das links aufgeführte Fragment "Problem XXX,I. Melancholia" hinzufügen, das von Aristoteles bzw. Theophrast stammt.

Diese "Engel" scheiterten und wurden desillusioniert, führen ein Dasein der Gratwanderung zwischen positiv gestimmter Melancholie und negativ bzw. krankhaft verstandenen Zuständen der Depression. Da alle möglichen einst für ihr Dasein entscheidenden Dinge für sie nun illusionär erscheinen, verbleiben sie bewegungslos "steinern", äußern sich in Traurigkeit bzw. Zynismus (man vergleiche Heraklit und Demokrit in ihrer barocken Interpretation). Gewaltsam sind sie "gefesselt" an ihre "gläserne Maske". Warum Maske? Was ist diese Maske? Hier noch ein Wort zur Desillusion: Karl Jaspers nennt Kierkegaard neben Nietzsche einen der "großen Erwecker" , diese Interpreation Jaspers', ob man sie nun teilen will oder nicht, soll hier als Erläuterung der Desillusion dienen. So zeichne sich das Werk Kierkegaards durch eine geistige Produktivität aus, die "grenzenlose Reflexion [ist], die von früh auf zum Verschwinden aller Naivität führte". Kierkegaards geistiger Zustand des "Schwermut[s]" wird von Jaspers als endogene Psychose diagnostiziert, wahrscheinlich "schizophren" . Der dänische Philosoph nannte sich "Ausnahme", "fand keinen Abschluß des Sich-durchsichtig-werden-Wollens, blieb redlich und fixierte kein endgültiges Selbstverständnis als Besitz" . In diesem Denken sieht Jaspers eine "Ernsthaftigkeit des Dialektischen auftreten, [...] wie sie bei Gesunden nicht möglich ist" , so daß die Krankheit zur "Bedingung [...] seiner produktiven Geistigkeit" wird. Sie sei "Unfähigkeit zum Wirklichen (die Wirklichkeit steht im Schatten)", jegliche Erfahrung muß erst "durch Reflexion in Erinnerung [...] übersetz[t]" werden, "in Möglichkeit, als Ausdruck des nicht gelingenden Sichdurchsichtigwerdenwollens, als Sünde, als stellvertretendes Leiden" einer mit diesem Sinn belegten "Krankheit bis zum Tode".

Der beschriebene Zustand bedeutet eine aus andauernder Reflexion resultierende Distanziertheit zur naiven Realität, eine Art von geistiger Abwesenheit. Die totale Desillusion und der Blick auf ein Ganzes, in dem selbst das Jetzt - als in Erinnerung übersetzt - analysiert wird, tragen in sich eine Tendenz, sich an etwas Konkretes halten zu wollen, ohne Halt zu finden, da alles Konkrete nur als desillusioniertes Abstraktum zugänglich ist. Diese Tendenz scheint der Idee der Desillusion inhärent zu sein. Und diese Tendenz findet sich auch in gewissen Zügen bei den "schwarzen Wesen", die aber in der Regel mit ihrer "gläsernen Maske" zwar offensichtlich erkennbar bleiben (daher "gefesselt"), aber nicht immer konsequent ihrer Haltung wie Kierkegaard treu bleiben, gerade weil es Krankheit wäre oder zumindest schädlich für das eigene Leben. Aber oft sind sie dadurch nicht mehr fähig ihre Talente auszuleben, so daß ihr "Posaunenklang erloschen", Inspiration fehlt bzw. stirbt, statt dessen Entscheidungslosigkeit wiederum nur in der Tendenz.

Ihre diese "Wahrheit" ist nun "versiegelt", da sie meistens unfähig sind, sich verständlich zu machen. Sie können zwar sehrwohl Probleme ansprechen, doch da diese meist unlösbar sind, kann auch der Psychologe nur Ablenkung aller Art (Konfrontation mit der Vergangenheit findet ja ehehin statt), Anti-Depressiva und Gespräche anbieten, in den Fällen, wo ein "schwarzes Wesen" seine Gratwanderung nicht mehr bewältigt. Doch da sie nicht "von der Quelle des Vergessens" - also auch dem Fluß (der Zeit) in dem sie ihr Spiegelbild selbstreflexiv betrachten - kosten können, und dies ist keine Frage des eigenen Willens, bleibt nur der subjektive Eindruck einer "Verdammnis".

3. Die härteste Nicht-Utopie

3.1 Kunst zwischen Schmerz und Schönheit

In der zweiten Strophe verändert sich das Bild. Wo ehemals nur von "steinernen Engelsputten" gleichen "schwarzen Wesen" an Wassern die Rede war, verlieren letztere an Bedeutung, waren nur wichtig für die Klärung der Wesen, wo hingegen das Steinerne und Erstarrte weiterhin eine Rolle spielt. Im folgenden wird behauptet, die "schwarzen Wesen" verbrennen in "des Prometheus edler Gabe", im "Feuer". Dabei wird auf einen griechischen Mythos angespielt, der in der Theogonie des Hesiod beschrieben ist. Nach ihm hat jener Titan die Menschen aus Lehm geformt. "Sehend sahen sie umsonst, hörend hörten sie vergebens". Um sie von ihrer Passivität und Hilflosigkeit zu befreien, brachte ihnen der Gott das Feuer und schon bald brannten überall in der Dunkelheit Flammen empor. Dieses Feuer ist wiederum Sinnbild für das handwerklich herstellende Handeln in Verbindung mit dem Ich-Gedanken als Urbeginn aller Kreativität, meint das Reich der Ideen, die besondere "Kraft" der Menschen, welche sie zu Kultur bemächtigte. Die "schwarzen Wesen" verglühen hierin als "Geistgetriebene".

Ihr mit "marmorner Stille" verbundenes "Weinen", dessen Grund im letzten Kapitel schon erklärt sein dürfte, wird nun zur Wasserspende für die neu auftauchenden "schwarzen Rosen", die - soviel verraten die "Knospenblätter" - auch tatsächlich ein Novum darstellen sollen. Die Rose hat nun in der Romantik eine besondere Bedeutung, sie verbindet Schmerz und Schönheit, ist hier gleichsam als Frucht des Melancholischen zu verstehen.

3.2 Vergänglichkeit und Vergangensein

In der nächsten Zeile taucht nun eine "Flammenwand" sowie ein "Regen aus Asche" auf als bedrohliches Moment von außen. Dieses Bild mit konkreten Inhalten zu belegen, erübrigt sich, da es sich nie um diesselbe Flammenwand handelt, da die genannten Probleme sich in allem widerspiegeln können. Da sie synonym zu "steinernem Staube" zerfallen, sind sie zugleich bedrohliches Moment als auch Opfer desselben im Sinne eines Teufelskreises. Das "Blütenwerk" ist "zum Grund" geneigt, also ebenfalls wieder im Begriff zu vergehen. Tatsächlich wird hier auf das Problem der Todessehnsucht angespielt und die in ihrem Zeichen stehende (postmoderne?) Literatur. Die "schwarzen Wesen" werden in diesem Bild dabei unwiderstehlich Opfer dieser Flammenwand, zumindest im Gedicht. Diese Behauptung ist selbstverständlich problematisch, doch letztlich auch zu relativieren, da man dies nicht zwangsläufig mit Suizid in Verbindung bringen muß, da "bloß" der Tod gemeint ist, von dem sich niemand entziehen kann. Aber das Risiko suizidaler Tendenzen ist auch nicht zu unterschätzen, ist eine große Gefahr, doch im Sinne der obigen Konzeption fatal, letztlich also eine Wahl zwischen Ertragen und Nicht-Ertragen.

Dieser ganze Vorgang des Verbrennens bzw. Verglühens im Geiste "verdunkelt" nun den Schein einer "Kerze", der einzigen Lichtquelle, die hier im üblichen Sinne als Bild für die Lebenszeit zu verstehen ist, aber nicht die des jeweils Einzelnen, sondern es gibt nur eine Kerze, die in diesem Sinne auch für die Menschheit als Ganzes steht. Ihr "Docht" sei nun, so die dem Fatalen entsprechende Warnung, "fast verbrannt", also das Ende der Menschheit, der letzte Tod, stünde bevor. Diese Apokalyptik erscheint übertrieben oder gerade angemessen, man kann sich streiten, da es seit eh und je solche Warnungen gibt, die bekanntlich nie eingetroffen sind. Es handelt sich auch weniger um die Nero-Freude am Untergang, sondern nur um ein Gefühl der Gewißheit, das in der Art mit der Idee des Fatalen verbunden ist wie die Trägheit des nicht-handelnden Einzelnen mit der Individuationsidee.

Wie die einzige Lichtquelle einer Kerze andeutet, wird das Umgebende als "Nacht" verstanden, so wie die "schwarzen Wesen" gerne als "um-nacht-et" verstanden werden dürften. Ihre im Verglühen erfolgende letzte Aktion wird dabei - verbunden mit dem Postulat der Aufmerksamkeit - als "lautloser Schrei" aufgefaßt, der als Selbstwiderspruch formuliert, die mit dem Postulat verknüpfte Schwierigkeit betont.

4. Das Schlafende als Negation des Fatalen

Das dritte und letzte Bild schließlich überlagert eigentlich den Moment des Zerfalls mit dem des "nicht'gen Endes", dennoch weiterhin verbunden mit der Aufforderung zu "Sehen". Die Nacht wird in ihrer Finsternis noch einmal durch ihre Sternlosigkeit bekräftigt. Doch das Thema dieser Strophe ist, nach dem der "schwarzen Wesen" Sein und Sterben dargestellt wurde, ihr Nicht-Sein bzw. Nicht-mehr-sein, wobei alle drei Momente als gleichzeitig möglich zu verstehen sind.

Neben dem letzten schwarzen "Rosenmeer" verbleibt als Vermächtnis der "schwarzen Wesen" jener Schrei, der sich "in des Äthers Tiefen [...] in Sphärenklang" verbirgt. Der Äther entspricht in gewissen Vorstellungen einer spirituellen Essenz, die in der Lehre der fünf Elemente ihren Platz hat neben Feuer, Wasser, Erde und Luft und soll dem Geist des Menschen entsprechen. Äther-Konzeptionen tendieren zumeist ins Vitalistische oder Immaterialistische. Ähnlich auf die Idee des Harmonischen verweisend wirkt die Metapher des "Sphärenklangs". Schließlich verbleibt die letzte Aufforderung, die zugleich als Negation des Fatalen zu verstehen sei, fähig dieses aufzuheben: "Das Schlafende muß erwachen". Dies ist zunächst eine irrationalistisch klingende Hoffnung, die zwei Eckpunkte besitzt, nämlich ein "schlafendes Potential" sowie den Moment des "Erwachens", also das Aktivieren jenes Potentials. Dieser Ruf gilt den übrigen, also jenen, die sich nicht als "schwarze Wesen" verstehen. Dieser Ruf wirkt damit zunächst arrogant, zumal wenn man den Eindruck eines festen Menschenbildes zugrundelegt. Es ist letztlich diesselbe Argumentation wie die der "Bewußtseinserweiterung" oder "Aufklärung". Die "schwarzen Wesen" sind auf ihre Weise erwacht, können aber ihr Potential nicht wirklich nutzen, es kann nur jenes aber doch wieder "zum Grund geneigte" Blütenwerk, also Kunst zwischen Schmerz und Schönheit, entstehen. Das Schlafende geht über das Erwachtsein hinaus. Zugespitzt könnte man es so formulieren, daß zunächst jene Desillusion bzw. jenes "Erwachen" allgemein werden müßte, um im Sinne einer "kritischen Masse" die Individuation zu überwinden, die verhindert, daß gegen das Fatale, also jene "Nacht", vorgegangen werden könnte. Das Schlafende ist sozusagen jener enttäuschte Idealismus, die Kreativität etc., welche in der dann jenseits dieser Konzeption liegenden utopischen Weltidee als Allgemeingut Grundlage der Zukunft bzw. einer einzig möglichen Zukunft der Menschheit wären.

Weiterführende Links: