- Lichtling: "Die Aporie, der wir uns bei unserer Arbeit gegenüber fanden, erwies sich somit als der erste
Gegenstand, den wir zu untersuchen hatten: die Selbstzerstörung der Aufklärung. Wir hegen keinen Zweifel - und darin liegt unsere
petitio principii -, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärerischen Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir,
genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen,
die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der überall heute
sich ereignet." [Adorno S. 13].
Dunkle Stimme: Die Dialektik der Aufklärung scheint undialektisch, denn sie überführt These Aufklärung und Antithese
Selbstzerstörung, in keine von beiden Elementen unterschiedene Synthese, soweit diese sich überhaupt selbst voneinander unterscheiden
und Aporie sein können. Zu bestreiten ist die Unzweifelhaftigkeit jener aufgeklärten Freiheit und die als Entwicklung verstandene
Veränderung menschlicher Verhältnisse genauso wie jeder Keim sogenannten Rückschrittes, der dieses Thema ausblendet und ignoriert.
- Lichtling: "Indem er [der Begriff von Klarheit in Sprache und Denken] das an den Tatsachen wie den herrschenden Denkformen negativ ansetzende Denken
als dunkle Unverständlichkeit, am liebsten als landesfremd, tabuisiert, hält er den Geist in immer tieferer Blindheit gebannt. [...]
Sein [des Geistes] wahres Anliegen ist die Negation der Verdinglichung. Er muß zergehen, wo er zum Kulturgut verfestigt und
für Konsumzwecke ausgehändigt wird. Die Flut präziser Information und gestriegelten Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich." [Adorno S. 14f.].
Dunkle Stimme: An den alten Agrippa von Nettersheim denkend, möchte man ausrufen: Zurück zu okkulter Philosophie!? Doch leider ist
es gleichgültig, womit man sich als fremd darstellt - nicht "landesfremd"; das Land als Identität ist genau wie der letzte Intellektuelle des 20. Jahrhunderts
untergegangen und doch braucht die Eine Welt nicht die Rückkehr zu alten falschen Trennungen. Und es ist nicht allein der Unterschied zum Ding,
den ein Geist ausrufen will, er will ausrufen, um überhaupt sein zu können. Und doch ist das Cartesische Getrenntsein von Körper und Geist
das Einzige, was den Suizid des Lichts zu überleben scheint.
- Lichtling: "Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfähigkeit
gegen die Herren der Welt. [...] Technik ist das Wesen dieses Wissens. Es zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf das Glück der Einsicht,
sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital." [Adorno S. 20]
Dunkle Stimme: Der Kapitalismus des Wissens sucht nicht Wissen, sondern bleibt Kapitalsucht, Addiktion eines Dämons, dessen Betäubungen
Linderung dem masochistischen Gedanken geben. Die Macht der adresslos gewordenen Herren der Welt hat das Wort des Einzelnen erreicht. Jeder - auch dieser
Buchstaben - ist Kapital des Fremden. In der Postmoderne ergibt sich eine vielleicht zweite Aporie: der Begriff des Ichs, aufgebläht zum solipsistischen
selbstvergotteten Prometheus des eigenen Nicht-Ichs als Ich-AG, erlaubt zugleich kein Wesen des Ichs, darf nur Kapital der Mächtigen sein - oder nichts.
- Lichtling: "Die Entzauberung der Welt ist die Ausrottung des Animismus [...] Die Welt wird zum Chaos und Synthesis zur Rettung.
Kein Unterschied soll sein zwischen dem Totemtier, den Träumen des Geistersehers und der absoluten Idee. Auf dem Weg zur neuzeitlichen
wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit [...]
Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung für verdächtig. Darf sie sich
einmal ungestört von auswendiger Unterdrückung entfalten, so ist kein Halten mehr. Ihren eigenen Ideen von Menschlichkeit ergeht es dabei
nicht anders als den älteren Universalien. An jedem geistigen Widerstand, den sie findet, vermehrt sich bloß ihre Stärke. Das rührt daher,
daß Aufklärung auch in den Mythen noch sich selbst wiedererkennt. Auf welche Mythen der Widerstand sich immer berufen mag, schon dadurch,
daß sie in solchem Gegensatz zu Argumenten werden, bekennen sie sich zum Prinzip der zersetzenden Rationalität, das sie der Aufklärung vorwerfen.
Aufklärung ist totalitär." [Adorno S. 21f.]
Dunkle Stimme: Geschichte wird zur Geschichte geistiger Dissoziation, die sich schizoid immer weiter legionisiert, während
Totalitarismus scheinbar nur noch eine Alternative bietet: den Irrsinn. Das Erwachen aus dem Traum führt scheinbar weder in den Traum noch aus ihm
heraus und doch wächst das Verlangen nach Assoziation...
- Lichtling: "Auf der magischen Stufe galten Traum und Bild nicht als bloßes Zeichen der Sache sondern als mit dieser durch
Ähnlichkeit oder durch den Namen [est omen] verbunden. Die Beziehung ist nicht die der Intension, sondern der Verwandtschaft. Die Zauberei
ist wie die Wissenschaft auf Zwecke aus, aber sie verfolgt sie durch Mimesis, nicht in fortschreitender Distanz zum Objekt. Sie gründet keineswegs
in der 'Allmacht der Gedanken' [bzw... ist] eine 'Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die Realität' [Freud, Totem und Tabu], [denn]
Gedanken und Realität [sind] nicht radikal geschieden." [Adorno S. 27]
Dunkle Stimme: Die Veränderung, die sich Geschichte nennt, läßt jene Dissoziation in zweifacher Weise empfinden: fortschreitende Distanz - unabhängig
ob das Gegenüber als Subjekt oder Objekt wahrgenommen wird, was - wie schon gezeigt - ehehin keinen Unterschied mehr zu machen scheint; sowie die
Unfähigkeit zur Mimesis, die Blindheit, Seelenverwandtes zu erkennen, und die fern bleibende Unio mit einer/m Anam Cara. Das sich nicht selbst eigene Ich
weiß nicht mehr vom heiligen Du im Unterschied zum konsumierbaren Ding.
- Lichtling: "Der Ruf des Schreckens, mit dem das ungewohnte erfahren wird, wird zu seinem Namen. Er fundiert die Transzendenz
des Unbekannten gegenüber dem Bekannten und damit den Schauder der Heiligkeit [...] Durch die Gottheit wird die Sprache aus der Tautologie
zur Sprache. [...] Aber die Dialektik bleibt ohnmächtig [...] Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst. Die reine Immanenz
des Positivismus, ihr letztes Produkt, ist nichts anderes als ein gleichsam universales Tabu." [Adorno S. 31]
Dunkle Stimme:: Würden die Tiere, wie sie sich Philosophen immer blind und selbstherrlich ausmalten, philosophieren, wären sie wohl
Positivisten und würden das Nein tabuisieren. Der letzte Unterschied zum triebgesteuerten Tier begründet sich in der Unmenschlichkeit menschlicher Triebhaftigkeit und
deren totalitären Anspruches. Angst, als Gegenstück zum Glauben, scheint den Sieg davon zu tragen. Das ist nicht nur ideale Voraussetzung für
eine religiöse Apokalypse, sondern verrät auch über den Umgang mit der Angst bei den Negativisten - soweit sie nicht verkappte Positivisten sind.
Und doch wirken sie nur wie obsolete Relikte aus einer Vorzeit.
- Lichtling: "Sein [des Glaubens] Fanatismus ist das Mal seiner Unwahrheit, das objektive Zugeständnis, daß wer nun glaubt,
eben damit nicht mehr glaubt. Das schlechte Gewissen ist seine zweite Natur. Im geheimen Bewußtsein des Mangels, der ihm notwendig anhaftet,
des ihm immanenten Widerspruchs, die Versöhnung zum Beruf zu machen, liegt der Grund, daß alle Redlichkeit der Gläubigen seit je schon
reizbar und gefährlich war. [...] Schon in der niedersten wie noch in der höchsten Einsicht ist die ihrer Distanz zur Wahrheit enthalten, die den
Apologeten zum Lügner macht. Die Paradoxie des Glaubens entartet schließlich zum Schwindel, zum Mythos des 20. Jahrhunderts und seine Irrationalität
zur rationalen Veranstaltung in der Hand der restlos Aufgeklärten [Adorno S. 36f...] In der Unparteilichkeit der wissenschaftlichen Sprache
hat das Ohnmächtige vollends die Kraft verloren, sich Ausdruck zu verschaffen, und bloß das Bestehende findet ihr neutrales Zeichen.
Solche Neutralität ist metaphysischer als die Metaphysik [Adorno S. 39...] Dem Positivismus [...] gilt in intelligible Welten auszuschweifen nicht mehr
bloß als verboten, sondern als sinnloses Geplapper. Er braucht - zu seinem Glück - nicht atheistisch zu sein, weil das versachlichte Denken nicht einmal
die Frage stellen kann" [Adorno S. 42].
Dunkle Stimme: Die Gleichsetzung von Glauben und Ohnmacht stimmt zumindest im Spiegel von Angst und Macht, jedoch könnten diese
dialektischen Paare selbst Ergebnis jener Metaphysik der Anti-Metaphysik sein, die subjektlos geworden den Göttern ihre Kreaturen und umgekehrt ihre
Konturen nahm. Diffuse demokratische Streitlust hebt sich aus der Paradoxie von Glauben und Toleranz heraus und weist zumindest den Säulenheiligen von sich.
Nur nach der Entwortung der Werte und Entwertung der Worte scheint nur noch das handlungslose Handeln des Heiligen selbst zu helfen, nur wie
soll er auf dem abgründigen Weg jener restlos Aufgeklärten gehen, ohne auch den der Selbstzerstörung zu gehen? Nur daß eher dieser zweite Weg mitgegangen
wird als der erste, denn das Credo des Egals ist - ob reflektiert als Toleranz oder verinnerlicht als Peon sklavischer Produktion und Konsumption -
die einzige akzeptierte Reaktion. In ihrer Kehrseite als Abschaffung der Überzeugungs- und Glaubenskraft vielleicht die einzig mögliche.
Sich selbst dabei auf den Prometheusthron der eigenen bedeutungslos gereinigten fremden Existenz zu setzen, mag als Irrsinn nur ein spöttisches
Lächeln hervorlocken. Vielleicht im heiligen Du findet sich die Konsequenz und die Wiedergeburt der Helden. Allein vermag das letzte Einhorn nichts
gegen den zersetzenden Nebel der Uneindeutigkeit und wird selbst Nebel. In der Assoziation offenbart sich, daß der Arzt sich nicht selbst heilen kann.
Und nur ihre offenkundigste Qualität kann als Unterschied sich behauptend der Zersetzung Zersetzung sein.
Zitate aus: Adorno/Horckheimer, Dialektik der Aufklärung; in Adorno, Ges. Schriften Bd. 3, Frankfurt 1981, hg. von Rolf Tiedemann.
www.dunkle-allianz.de
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