
von Tinúviel
Diese Ziele der vier Wege wurden von irgendwem irgendwo vorgestellt:
Das Ziel des spirituellen ist Einswerdung mit Gott.
Das Ziel des magischen ist das Erkennen des Innern selbst.
Das Ziel des wissenschaftliche ist die „Weltformel“
Das Ziel des philosophischen Weges ist das Erkennen der Wahrheit.
Ich will darauf mal eingehen, es wird kritisch klingen, aber es sei darauf verwiesen, daß alles Folgende Aspekte sind, diskussionsfähig und vielleicht auch -würdig. Keine absolute Gegenposition, hoffentlich auch nicht nur Gerede...
Vier Wege mit ihren Zielen. Das Ich sieht sich im Werden gegenübergestellt vier Entitäten, die sich aus Trennungen ergeben. Das Alles teilt sich doppelt. Ver-zwei-felt zweimal, verviertelt total.
Was unterscheidet diese Wege? Ist es ein jeweiliges Verhältnis von Innen und Außen? Das alte Hackebeil des Descartes, das cogito ergo sum, begründet auf dem Satz, ich kann mir alles vorstellen, daß die Welt nicht existiere, daß mein Körper nicht existiere, nur daß Ich nicht existiere, wo ich mich doch denke, daß kann ich mir nicht vorstellen...
Man merke sich vor, daß Descartes zweimal Angst bekam, er bedurfte Gottes zur Erklärung seiner Theorie - und er mußte den Wahnsinn weit von sich schieben.
Der erste Weg führt (scheinbar) vom Innen ins Außen, läßt beides miteinander verschmelzen, Selbst und Gott in der unio mystica bzw. Atman und Brahman in den höheren Stufen der Meditation.
Der zweite Weg führt (scheinbar) vom Außen ins Innen, über die Traumgesichte, Elemente der Visio, des magischen Rituals, des Orakels, der Askese oder Übung.
Der dritte Weg führt (scheinbar) vom Außen ins Außen, über die naturwissenschaftliche Methode der Formel, Popper'sche Falsifikation, das reproduzierbare Experiment.
Der vierte Weg führt (scheinbar) vom Innen ins Innen, DIE eigene Wahrheit.
Man beachte die Scheinbarkeiten und den Wahnsinn von Descartes. Kein Wunder, daß diese Wege mit dem Nachsatz versehen wurden, sie seien in gewisser Weise identisch. Diese Wege stammen auch aus einer Zeit, wo diese Identität des Innen und Außen religiös legitimiert war. Man glaubte sie. Nicht nur im Christenland.
Heutzutage gilt eine andere Chimäre, der berüchtigte Wahnsinn des Descartes. Danach sind die ersten beiden Verhältnisse Irrsinn und das letzte relativ, was entweder positiv bedeutet, jeder solle noch seinem eigenen Gutdünken glücklich werden - oder es ist ehehin scheißegal, was jemand glaubt, denn zählen tut nur Weg Nummero 3.
Sowohl der "Gläubige" als auch der "Irre" verstoßen gegen diese Vierteilung des Geistes. Doch auch sie müssen ver-zwei-feln, wenn sie noch in der Welt der je Ungläubigen leben - die sind dann die "armen Sünder" oder die Zombies oder Primaten.
Doch vielleicht haben sie ja recht und das Innen IST in gewisser Weise das Außen? Mögen ein paar aphoristische Sätze erhellen:
2. Im 19. Jahrhundert wurde die entstehende Psychiatrie beherrscht von zwei Bewegungen, den Somatikern und den Psychikern, welche in treuer Nachfolge von Descartes die Krankheiten gänzlich je einem der beiden Felder zuwiesen: Innen oder Außen, Körper oder Geist. Heute: Gene oder Verhalten. Uns interessieren insbesondere damalige Fälle von religiöser oder erotischer Melancholie, die man auch hübsch zusammenfassen kann als "manié" (im deutschen: fixe Idee) mit oder "sans delire" (ohne Delirium als fieberhaftes Anzeichen von Wahnzuständen). Ist es da nicht interessant, daß jemand, der vermeint, die "Sünde wider den Heiligen Geist" begangen zu haben (auch Theologen wissen nicht, was mit dieser Bibelstelle im Matthäusevangelium gemeint sein könnte) eher hysterisch wird, als jemand, der keinen Sinn im Leben sieht und glaubt, beim lebendigen Leib zu verfaulen (in einem Psychiatrie-Kompendium der Siebziger bezeichnet als "nihilistische Wahnidee").
3. Schizophrenie ist ein Wort von 1915. Seitdem wird es rückdatiert auf Menschen wie Woyzeck, Kierkegaard oder Hölderlin. Ersterer hörte die Freimaurer ihm Botschaften zuspielen, zweiterer nannte seine Krankheit "Schwermut" und schrieb ein philosophisches Werk "Entweder Oder", letzterer hörte nach dem Tod seiner Geliebten auf zu Sprechen und litt unter Verfolgungswahn. Wenn ich sie schizophren nenne, unterwerfe ich sie der Freud'schen Psychose, kennzeichne bestimmte Gedanken als "krank", bis ich zu der Möglichkeit komme, daß romantische Literatur wahnsinnig machen könnte.
4. Unter "Voodoo" sollte man eigentlich nur den haitischen Kult verstehen so wie das Wort "Schamanismus" eigentlich nur einen sibirischen Kult meinte. Dennoch wissen wir vom Allgemein-Übergreifenden, dem Phänomen der Mediumität, wie es auch bei sogenannten Besessenen vorgekommen zu sein scheint oder bei den Seancen der Geisterseher und Spiritisten. Handelt es sich bei den Orixas und Geister Verstorbener inkorporierenden Medien afro-amerikanischer Kulte wie etwa Umbanda oder Santeria um Psychotisches - oder haben sie nur im Gegensatz zu den Schizophrenen gelernt, mit den Einflüsterungen der Geister umzugehen? Denn wer akustische Halluzinationen hat und Stimmen hört, ist schizo.
5. Sind wir nicht alles ein bissel schizo? Die Antwort lautet: nein. Das mystische Denken bleibt elitär. Nicht jeder scheint dazu in der Lage, so wie nicht jeder hypnotisiert werden kann und nicht jeder hypnotisieren kann. Auch Hypnose ist ein unerklärtes Phänomen. Vielleicht können die besser hypnotisieren, die nicht so gut hypnotisiert werden können?
6. Die Wissenschaft entstand ohne jene Trennung des Innen und Außen. Heute ist sie von ihr fest durchdrungen. Sonderbar, daß Haley, der Entdecker des Blutkreislaufes, im 17. Jahrhundert Funken sah, die er sich mit den im Körper wirkenden Elementen erklärte (auch heute "entzündet" sich das Fleisch oder "erkältet" sich die Lunge). War er genauso wahnsinnig wie Paracelsus, der Auren wahrzunehmen glaubte? Oder haben Heisenberg und Bohr recht, die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie, der Beobachter bestimmt mit das Experiment?
7. Seit spätestens Ludwig Wittgenstein wird davon ausgegangen, die Aufgabe der Philosophie sei nicht das Finden der Wahrheit, sondern die meisten geistigen Probleme rührten daher, daß sie eigentlich sprachliche Probleme seien. Jemand nannte eine Äußerung eines Anderen "wahr", doch irgendwann wurde das Adjektiv substantiviert (in eine "Substanz" gewandelt) und schließlich abstrahiert (von der konkreten Situation weggezogen), so daß man sich aufmachte auf DIE Suche nach DER Wahrheit. Wahrheit gilt heute als relativ. Was bedeutet es da noch, wenn ein Kreter sagt, alle Kreter lügen?
8. "Substanz" bedeutet das "Darunter stehende", Subjekt das "Unterworfene" (oder Darunterliegende) und Objekt das "Entgegengeworfene". Die heutige Allmacht des dritten Weges wirft sich den Unterworfenen total entgegen, sie will im idealen Modell subjekt-, situations- und zeitunabhängig - das soll heißen: objektiv - sein (als verformeltes Naturgesetz). Nur wer bewirft die Unterworfenen mit dem Außen? Was beten wir "wirklich" an?
9. Was bedeutet es zu glauben, es gäbe Gesetze unabhängig von all dem Innen, wie ich es erlebe? Anders: was bedeutet die sonderbare Grenze zwischen Innen und Außen in dieser strikten Trennung, die selbst ein heutiger Mystiker oder Magier im alltäglichen Leben mitmacht, auch wenn er gelegentlich die "Borderline" überschreitet? Vielleicht seit einiger Zeit wieder immer mehr überschreitet? Finde ich DIE "Wahrheit" im neuronalen Nervengeflecht oder sind das nur Funktionszusammenhänge, wie ich sie verstehe, die ich nur VER-stehen kann, weil ich weiß, wie ich mich in ein Verhältnis setzen kann, zu dem, was ich als "neuronales Nervengeflecht" konkretisiert habe (concretere= zusammenwachsen). Wächst die Welt nur so für mich zusammen, weil ich sie so sehe, wie ich über sie spreche?
10. Nun wer ist letztlich dieser "Gott"? Dieses Odem, dieser Hauch, das Wort meint das Ausgegossene - anders herum - was ist das wahre Bezeichnete hinter den Zeichen, die wir als Entgegenstehendes (also als Gegenstände) ausmachen? Manch einer machte ja dem Gläubigen zum Vorwurf, er bete Worte an. Vielleicht ist das gar nicht so falsch. Was gebiert ein neues Wort, wenn alle es benutzen? Sind die Alltagsgegenstände unserer Lebenswelten nicht auch bloß Gespenster? Wir Unterworfenen bloß hypnotisiert durch Worte? Suggestion und Autosuggestion?
11. Ein typisches Kennzeichen des Psychotikers ist es, sich neue Worte auszudenken. Das Wort der "Psychose" erfuhr dabei auch eine Entwicklung - meinte es doch ursprünglich insbesondere ein zerstörtes Verhältnis zur Außenwelt. Im Gegensatz dazu, erklären namhafte Psychiater, weise der Künstler bloß ein gestörtes Verhältnis zu eben jener Außenwelt auf. Lustigerweise findet sich die selbe Defintion an einer anderen Stelle heutzutage: beim Borderline-Syndrom. Überhaupt läßt sich nicht mehr für jeden Manisch-Depressiven oder Schizophrenen behaupten, jenes Verhältnis wäre völlig zerstört. Die Grenze hat sich seit den 50ern des 20. Jahrhunderts wieder verschoben. Die Borderline ist halbdurchlässig aufgeweicht.
12. Die neuen Wörter des Geisteskranken sollen nur auf sich selbst verweisen, keinen Sinn ergeben. Zeichen ohne Signifikat, ohne Bezeichnetes. Vielleicht besteht der einzige Unterschied darin, daß sich niemand mit diesen Worten VER-steht? Denn vielleicht ist diese alte Sprachtheorie genauso zerhackt wie die ganze Metaphysik des Descartes, welche auch die Metaphysik der Physik ist. Bei Wörtern wie "Gott" oder "Die Wahrheit" mag das noch einleuchten, doch beim "Tisch" muß ich wohl weitergehen, meint man doch ihn zu sehen und zu fühlen, ihn untersuchen und beobachten zu können. Dabei macht es wenig Sinn hier die alte Idee der Nichtexistenz der Außenwelt zu wiederholen - höchstens insofern, als daß die Außenwelt auch die Innenwelt sein muß... vielmehr: Der Tisch ist nur Tisch, weil ich ihn dazu VER-wende im windigen Hauch meines verworteten zurückgewendeten (reflektierten) Handelns.
13. Doch kryptisch muß wohl bleiben der Satz: Das Draussen ist das Drinnen. Und so wird weiter getrennt und zergeistert in Körper und Geist, Natur (das Geborene, der Quell) und Kultur (das Gepflegte, Verehrte), Form und Inhalt, Zeichen und Bezeichnetes, Ich und Welt - dabei liegt alles nur in einem Grunde: dem ewig fremden Anderen, das in seiner Andersheit die ewige Verschiebung (=Verwendung = Verwindung = Verwortung) fortführt, den nie abhaltenden Strom des Spiegelns bzw. Denkens, welches - sich selbst immer wieder ausschließend - sich selbst immer wieder gebiert, erquellt, pflegt und verehrt.